Räder wuchten

Räder wuchten und wechseln, eine Ausarbeitung:

Für die meisten Menschen ist es besser die Räder beim guten Fachmann wechseln zu lassen. Da aber auch hier, gerade in der Umrüstzeit, die Zeit drängt, wird viel falsch gemacht. Was, falsch? Ja:

1) Der vorgeschriebene Luftdruck sollte vorab, bei kalten Reifen geprüft werden. Wenn ich mit dem Wagen in der Werkstatt bin, sind die Reifen schon gelaufen und haben eine erhöhte Temperatur, somit einen erhöhten Luftdruck. Steht der Wagen einseitig in der Sonne, erhitzen sich die Reifen unterschiedlich! Das sind die ersten Randparameter, der zweite wichtige Faktor ist das Anzeigegerät für den Luftdruck.
Hier scheiterts, da die immer ach so toll geeichten Manometer gar nicht so genau sind. Ihr könnt dazu den Test machen. Nehmt euer Reserverad und fahrt mal 5 Tankstellen mit "geeichten" Manometern am Luftdruckauffüller und füllt den vorgeschriebenen Druck auf. Was meint ihr, was ihr dort zu sehen bekommt, Hammer! Ich habe vor einigen Jahren diesen Test rund um Seesen gemacht, weil ich teils dramatischen Druckverlust auf allen vier Rädern hatte ( dachte ich ). Das lag aber an den unterschiedlichen Geräten. Damit sich hier nichts durch Sonne, oder Walken an der Temperatur im Reifen ändert, hab ich das Reserverad genommen. Wir haben hier zwischen den Tankstellen im krassesten Fall 0,7 Bar Unterschied. Das war die Entscheidung mir ein Luftdruckmessgerät von Flaig zu holen. Warum von dort und warum sollten die besser geeicht sein? Das beruht auf Infos aus dem Motorsport und von Fahrsicherheitstrainern, denen ich vertrauen ( liegt also auch bei mir ). Das Gerät ist geeicht mit Prüfzertifikat. Es zeigt mir immer den genauen Druck an. Übrigens gibts bei uns in Rhüden eine Tankstelle ( Esso ), da stimmen die Luftdruckwerte mit dem Flaig überein, geht doch.

2) Die Räder sollten sauber und ohne Unwucht sein. Wer schon mal innen auf die Felge geschaut hat, der sieht teils Teerklumpen in Wespengröße dort kleben. Das erwirkt eine Unwucht. Bei der Unwucht gibts statische und dynamische Unwucht, sprich durch Drehbewegung des Rades, aber auch der Richtungsänderung, sprich Drehung um die vertikale Radachse. Menschen, die auf dem Gebiet des Wuchtens gut geschult sind, wissen etwas damit anzufangen, die meisten "Fachmänner" wissen das nicht. Auf die Maschine druff und jewuchtet. Alles was unter 5g an Restunwucht liegt, wird auf dem Gerät als Null angezeigt. Das passt dann immer... Nein, tuts nicht. Einen Seitenschlag der Felge bekommste so nicht weg, das sieht die Maschinen nicht mal und gibt raus: „ Alles toll.“ Oder der unschöne Fall, dass die Gewichte innen und außen auf der selben Höhe liegen. Die Maschine gibt raus: „ Alles toll.“ Du fährst und mit zunehmender Geschwindigkeit, gerade beim Beschleunigen, rappelt das Lenkrad, im ungüstigsten Fall das ganze Fahrzeug. Hier wäre ein Matchen angesagt. Dabei wird der Reifen auf der Felge gedreht, bis Felge und Reifen sich bestmöglich ausgleichen. Dazu brauchts Sachverstand und die geeignete Maschine. Selbst damit kanns noch heftige Probleme geben. Das Rad läuft optisch super, die Wuchtung zeigt beste Werte an, die Gewichte liegen auf der Radachse gegenüber, kein Höhen- und Seitenschlag und es rappelt. Das kann am Aufbau der Reifens, sogar an Dickenschwankungen liegen. Um sowas festzustellen brauchts ne Straßenlast-Wuchtmaschine, die haben nur extrem wenige Händler, es werden aber immer mehr, z.B. Audi- und VW-Zentren. Damit bekommste auch noch den Rest des Rades in den Griff.
Hier ist aber anzumerken, dass die meisten Menschen wenig Probleme mit dem Wuchten der Räder haben, die heutigen Fahrzeuge verzeihen viel. Gerade bei den Fahrzeugen gibts unempfindliche und empfindliche Typen.

3) Die Anlageflächen am Rad und der Nabe sollten metallisch blank und fettfrei sein! Nur so ist die optimale Befestigung gewährleistet und ich hole mir durch Rost keine zus. Unwucht rein. Machen das die Firmen immer so, wenn da 20 Kunden im Hintergrund drängeln? Eben.

Wers selber machen möchte, dazu gibt’s Kunststoffschrubbscheiben für die Akkubohrmaschine, sog. Negerkekse.

4) Das Rad sollte beim Anbau vermittelt werden. Die Zentrierung kann nie hundertprozentig genau sein, sonst würde man das Rad nur mit dem Hammer befestigt bekommen. Die Grundzentrierung erfolgt durch den Zentrierring, der Rest durch die Radmuttern/Schrauben und deren Kegel/Kugelkopf! In bestimmten Fällen kann es hier helfen, um den Zentrierring ein, oder mehrere Lagen Tesafilm zu verkleben, dabei aber nie überlappen lassen! Keine Bange, sind die Räder erst mal verschraubt, könnte man den Zentrierring auch entfernen, er hat dann keine Wirkung mehr, er dient nur als Montageerleichterung und zur Zentrierung vor der Befestigung.

5) Die Radschrauben/Muttern sollten nun über Kreuz von Hand vorgezogen werden. Erst mit ca. 50NM, danach müssen sie mit dem vorgeschriebenen Drehmoment, meist um die 120NM, festgezogen werden. Nun kommts. Mit falschen Drehmomentwerten kannst du dir u.a. eine Unwucht einfangen! Du kannst aber auch die Radschrauben/Bolzen, die Radnabe oder auch die Bremsscheibe beschädigen. Ungleichmäßig angezogene Radmuttern/Schrauben können Nabe und Bremsscheibe verspannen. Erhitzt sich das Ganze beim Bremsen, können sich die Nabe und die Scheibe verziehen. Das merkste an Bremsenrubbeln und pulsierendem Bremspedal, sowie einem heftig geleerten Geldbeutel für die Reparatur. 20-30NM bringen schon ne heftige Scherkraft auf! Die billigen Drehmomentschlüssen weisen teils extreme Abweichungen auf. Mit etwas Pech haste hier schön verwachst. Mir ist mit einem solchen Schlüssel bei vorgeschriebenen 120NM an meinem ersten Golf GTI mal ne Radschraube von meinen geliebten ATS-Cup-Felgen abgerissen. Sowas nutze ich nie wieder! Ich vertraue hier auf Hazet, alle anderen Markenhersteller gehen aber ebenso. Die Dinger sind im Werk geeicht und eingestellt. Da stimmen die Werte schon. Auch hier gilt, wer gut zahlt, wird auch gut beerdigt. Wichtig, nicht vor dem Festziehen die Räder den Boden berühren lassen, dadurch verändert ihr die Zentrierung! Lasst lieber eine zweite Person die Bremse betätigen! Danach muss das Fahrzeug gefahren werden. Nach spätestens 50-100km sollten die Radmuttern/Schrauben am Fahrzeug nachgezogen werden, auch hier mit dem vorgeschriebenen Drehmoment. Was gar nicht geht, ist die Radmuttern/Schrauben mit dem Schlagschrauber vorzuziehen. Wenn keine Drehmomentbegrenzung eingestellt ist, ist das Irrsinn, wenn ja, was meint ihr, wie genau das ist? Danach wird dann nochmal schick vor dem Kunden mit dem Drehmomentschlüssel kontrolliert. Der klackt natürlich perfekt, ob die Muttern/Schrauben nun mit 120, oder 200NM angezogen wurden, weiß dann keiner.

Das sind nur ein paar Dinge, die zu beachten sind. Da gibts noch mehr und mal ehrlich, welche Fachkräfte gehen so vor? Ich kenne nicht wenige Firmen, da müssen die Azubis, ohne das entsprechende Wissen vorhalten zu können, zum Winter und zum Sommer hin für die Kunden wuchten und die Räder montieren. Das ist ja alles sehr einfach und es ist nichts zu beachten....

Ich habe schon viele Erfahrungen in diesem Bereich machen müssen, leider. Bei meinem Golf 2 GIT hatte ich mehrteilige BBS-Räder aufgezogen und immer eine heftige Unwucht. Wuchten usw. brachte nichts. Ich habe Kontakt mit Pirelli im Odenwald aufgenommen und einen Termin gemacht. Dort vor Ort hat man mir oben genannte Dinge beigebracht und durch elektronische Wuchten am Fahrzeug fanden wir den Fehler schnell heraus. Ich hatte Felgenschlösser verbaut. Die Räder liefen auf der Maschine toll, angebaut wars Mist. Das lag an dem erheblichen Gewichtsunterschied der Felgenschlössern zu den restlichen Radschrauben. Das erbrachte damals pro Rad 20g Unwucht. Der Ingenieur hat mir auch gezeigt, was man beim Anbau mit falscher Zentrierung und falschem Anzugsdrehmoment der Radschrauben an Unwucht herbeiführen kann. Dieser Tag war für mich sehr lehrreich.

Um die ganzen Fahrzeuge hier mit dem Radwechsel zu bedenken, nutze ich nur gutes Werkzeug und auch einen eigenen Kompressor. Jedes Rad wird kalt mit dem vorgeschriebenen Luftdruck befüllt und ordentlich angebaut. Eine Unwucht nehme ich vor dem Abbau auf und lasse die Räder dann abgebaut angeliefert bei meinem Händler des Vertrauens wuchten. Dieser Mazdahändler aus Langenhagen hat immer die neusten Wucht- und Aufziehmaschinen, die zudem ordentlich bedient und gewartet werden. Zudem ist er noch sehr kompetent auf diesem Gebiet. Ist a bisserl teurer, lohnt sich aber. Du sagts ihm z.B. dass du bei ca. 90km/h nur bei der langsamen Drehbewegung des Lenkrades eine Unwucht spürst und er weiß woran es liegt. Und ja, eine Unwucht lienks und rechts kann sich addieren, aber auch, je nachdem, wie die Räder zueinander stehen, auch kompensieren. Da wird aus 2 x 10g Unwucht mal Null und mal rappelts heftig. Nach der nächsten Kurve kanns dann weg sein, nach ner weiteren Kurve wieder da. Die meisten Fachmänners sagen dir dann, dass das nicht sein kann. Nur wirklich gute Fachleute wissen, dass das normal ist und erklären es dir auch.

Also, entweder ich lasse das im guten Fachhandel erledigen, oder ich wechsle selbst, dann aber bitte mit Sachverstand und entsprechendem Werkzeug.

6) Übrigens, wenn der Drehmoentschlüssel nicht mehr grbraucht wird, muss er entspannt werden! Wer beachtet das?

Und mal ehrlich, wozu brauchen wir Messgeräte? Ein Messgerät, was zu unegenau ist, ist kein Messgerät. In einer alten Oldtimerzeitschrift, ist glaub ich 10 Jahre her, war mal ein Bericht über Drehmomentschlüssel. Der schlechteste Schlüssel hatte eine Abweichung von 70%. Zulässig sind übrigens 4%. Es ist schon ein Unterschied, ob ich die Radmuttern/Schrauben mit 120NM, oder 36NM anziehe. Erst letzten Winter hab ich auf unserem Dienstparkplatz neben einem silbenern Polo geparkt, da lag doch glatt eine Radschraube vorne rechts neben dem Auto! Das ist kein Witz!!!!

Zur Genauigkeit mal ein Test.

Und hier ein weiterer, lesenswerter Bericht und das Aufzeigen, wo ich das Dingen testen lassen kann.

Und hier ein total aussagefähiger Kurzcheck von unseren gelben Engeln... Sowas geht gar nicht.

Wer einen solch billigen Schlüssel nutz, fährt am Besten mal zur DEKRA, oder einer vertrauten Fachwerkstatt und lässt das Dingen überprüfen. Der Prüfwert sollte beim vorgeschriebenen Drehmoment für euer Auto liegen. Schreibt euch auf, welchen Wert ihr dazu an eurem Schlüssel einstellen müsst und nehmt diesen Wert dann auch. Immer natürlich in der Hoffnung, dass der Schlüssel beim nächsten Mal nicht wieder andere Werte annimmt. Das ist besser, als stumpf auf sowas zu vertrauen. Denkt daran, davon hängen im Ernstfall Leben ab. Und wenn euer Schlüssel rel. genau anzeigt, einfach freuen und mit gutem Gewissen Räder wechseln.

Beispiele für Anlageflächen, gerade nach dem Winter.

Hier niemals ein Rad draufsetzen!

Hier ists sauber, das nenne ich eine Anlagefläche!

OK, ist ne neue Bremsscheibe drauf gekommen. Um den Unterschied auf der Nabe zu zeigen, anbei die nächsten Bilder. Absolut verrostet, hier nichts anbauen:

Gereinigt und wirklich sauber:

Wie bekomme ich solche Flächen metallisch sauber, ohne Material der Anlageflächen abzunehmen? Dafür gibts Schrubbaufsätze, die z.B. mit der Akkubohrmaschine bedient werden können:

Ähm, die Dinger nennen sich läppisch Negerkeks ... sorry.

7) Was ist noch zu beachten? Manchmal hat man das Gefühl, dass der Reifen auf den ersten km eine Unwucht aufzeigt. Ein völlig normaler Vorgang. die Reifen haben eine Nylonlage über dem Stahlgürtel, die dafür sorgt, dass der Reifen nicht durch die Fliehkraft im Umfang wächst. Nylon verkürzt sich, wenn es sich erwärmt. Der Nachteil ist, dass eben dieses Nylon durch die Wärme auch weicher wird, und wenn man den warmen Reifen für eine Nacht abstellt, dann bildet sich ein so genannter Standplatte. diese verschwindet, sobald der Reifen warm ist, also je nach Fahrweise und Geschwindigkeit nach 3-5 km. Besonders wird man es merken, wenn man eine Autobahnhatz hinter sich hat und der Boden in der Garage dann kalt ist.